"Beweisführung zur Strahlenbelastung des Bundeswehr-Radarpersonals"

Beitrag zum Thema "60. Geburtstag der Bundeswehr"

 

Beweisführung zur Strahlenbelastung des Bundeswehr-Radarpersonals

Thomas Förster am 30.12.2015

1. Bericht der Expertenkommission zur Frage der Gefährdung durch Strahlung in früheren Radareinrichtungen der Bundeswehr und der NVA (Radarkommission) vom 02.07.2003

"3. Ergebnisse
3.1 Expositionen
Exposition gegenüber Röntgenstörstrahlung
Hinsichtlich der Expositionsrekonstruktion der Röntgenstörstrahlung bei der Bundeswehr hält die Radarkommission eine gerätespezifische Unterscheidung von drei Phasen für sinnvoll:

Phase 1
ist dadurch charakterisiert, dass kaum Messungen zur Ortsdosisleistung und keine personenbezogenen Dosiswerte vorhanden sind oder verlässlich rekonstruiert werden können.
Für die Phase 1 wird eine zuverlässige oder auch nur obere Abschätzung der Exposition durch Röntgenstörstrahlung rückwirkend für nicht möglich erachtet, da die Daten- und Informationsbasis unzureichend ist.
Eine Übertragung der Ergebnisse späterer bzw. aktueller Messungen auf frühere Expositionszeiträume ist in der Regel nicht möglich, da eine Vielzahl von Einflussfaktoren nicht mehr rekonstruierbar sind.

Phase 2
es wurden Strahlenschutzmaßnahmen etabliert und es fanden Messungen der Ortsdosisleitung an häufig verwendeten Waffensystemen statt.
Die Phase 2 läßt sich auf die Zeit zwischen 1975 bis 1985 eingrenzen.

Phase 3
wird dadurch charakterisiert, dass ab 1985 ein adäquater Strahlenschutz existiert. Mit erhöhter Strahlenexposition ist in dieser Phase nicht mehr zu rechnen."
(vgl. Bericht der Radarkommission vom 02.07.2003, S.III ff)

2. Erlass des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) vom 12.03.2004

"Die Voraussetzungen für eine Anerkennung gem. den Empfehlungen der Radarkommission hinsichtlich der Röntgenstörstrahlung sind:
2.1 Der Antragsteller ist an einem malignen (bösartigen) Tumor erkrankt und es liegt darüber ein pathologisch-histologisches Gutachten vor.
2.2 Zwischen der Tätigkeit am Radargerät und dem Ausbruch der Krankheit liegt eine versorgungsmedizinisch hinreichende Latenzzeit.
2.3 Es ist ein Ursachenzusammenhang zwischen der Tätigkeit am Radargerät und der Erkrankung anzunehmen.
2.4 Der Antragsteller war einer Röntgenstörstrahlung ausgesetzt. Dies steht fest oder davon ist auszugehen, bei allen Radargeräten der Bundeswehr für die Phase 1 und 2.
2.5 Der Antragsteller war als Radartechniker/-mechaniker in Phase 1 oder 2 beschäftigt bzw. war Operator und hat Radartechniker/-mechaniker nicht nur gelegentlich in Phase 1 oder 2 bei Arbeiten am geöffneten und laufenden Radargerät unterstützt."
(vgl. Erlaß des BMVg vom 12.03.2004 zum Az.: WV IV5 - Az 47-04-17 S.1, Abs.4ff)

3. Begutachtung im Sozialen Entschädigungsrecht
Sachverhaltsermittlungen bei der Geltendmachung lang zurückliegender Schädigungen durch den Betrieb von Radargeräten der Bundeswehr - Rundschreiben des BMGS vom 20.10.2003 (Az.: 435-65517)

"Da in Folge der besonderen Sachlage die Exposition (z.B. konkrete Strahlendosis) im Einzelfall nicht mehr ermittelbar ist, u n t e r s t e l l t das Bundesministerium der Verteidigung soweit die von ihm aufgrund der Arbeitsergebnisse der Radarkommission aufgestellten und vom Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages gebilligten Voraussetzungen vorliegen, d i e W a h r s c h e i n l i c h k e i t des ursächlichen Zusammenhangs zwischen Strahlenexposition und bösartiger Erkrankung.
Die Frage einer Kannversorgung stellt sich deshalb in diesen Fällen nicht."
(veröffentlicht im Bundesarbeitsblatt 12/2003 als Rundschreiben des BMGS vom 20.10.2003 (Az.: 435-65517)

4. Beruflich verursachte Tumoren - Grundlagen der Entscheidung zur BK-Verdachtsanzeige

"Bösartige Tumoren und Präneoplasien des blutbildenden und lymphatischen Systems

Grundsätzlich sollten alle bösartigen Erkrankungen des blutbildenden und lymphatischen Systems an eine berufliche (oder dienstliche!)Genese denken lassen.

Insbesondere gilt dies für Leukämien (ALL, AML, CML, einschl. aller Unterformen) Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome (einschließlich CLL, Plasmozytom) sowie auch kutane maligne Lymphome (z.B. Mycosis fungoides, Sezary-Syndrom). Neben der CML können auch andere myeloproliferative Erkrankungen (Polycythaemia vera, Thrombozythämie und Osteomyelofibrose) beruflich (bzw dienstlich) bedingt sein.

Ionisierende Strahlen

Der Kausalzusammenhang zwischen der Einwirkung ionisierender Strahlen am Arbeitsplatz und dem Auftreten von Präleukämien, Leukämien, Lymphomen, Plasmozytomen ist gesichert.

Dies gilt insbesondere ... für den technischen Einsatz von Röntgenstrahlen, für Tätigkeitsbereiche bei denen mehr als nur eine gelegentliche Einwirkung von Röntgenstrahlen vorgelegen haben, ...spezielle unfallartige Strahleneinwirkungen sind zu berücksichtigen.

Gleiches gilt für die ...Anwendung radioaktiver Stoffe in der Technik (z.B. als Leuchtfarben für Skalen und Zeiger)"
(vgl. K.Norpoth, H.-J.Woitowitz Beruflich verursachte Tumoren, Deutscher Ärzte-Verlag Köln, 1994)